Foto- oder Photoshop-Künstler?

Was hat es eigentlich mit diesen besonderen Motiven auf sich? Schmetterlinge auf der Pferdenase, der perfekte glutrote Sonnenuntergang im Hintergrund, irgendwelche wirren Sonneneinstrahlungen, die das Bild kreuzen?

Sicherlich – der Fotograf von heute hat ganz andere Möglichkeiten in der Bildbearbeitung als vor 20 Jahren noch. Aber, was ich mich immer wieder ernsthaft frage – wer ist noch Fotokünstler und wer eigentlich einfach nur „Photoshop-Experte“?

Ich sage es ganz offen: Ich arbeite vornehmlich mit Lightroom. Das ist ein Unterprogramm von Photoshop, mit dem man auch einiges, naja, sagen wir mal, ein bisschen was, retuschieren kann.

Um ehrlich zu sein, reicht das für mich in den meisten Fällen völlig aus – ich kann möglicherweise störende Dinge aus den Fotos entfernen wie lästige Fliegen auf der Pferdenase oder Schlaf in den Hundeaugen, die Farbintensität des Bildes anpassen oder es in Teilen aufhellen oder abdunkeln. Mit diesem Programm kann ich aber weder ach-so-schöne Sonnenuntergänge zaubern, wo eigentlich keine sind, noch romantisch-einfallende Sonnenstrahlen reinbasteln, die eigentlich gar nicht da sein dürften.

Ist das nun gut oder schlecht?

Ich finde, dass jeder sein Bild so bearbeiten darf und sollte, wie er es eben für richtig hält. Wenn er damit den Geschmack der Massen trifft, war es gut und richtig. Ich persönlich finde aber – und da darf man mich gerne für altmodisch halten (nein, „so alt“ bin ich nicht!) und auf mich einschimpfen – als Fotograf sollte man immer das Ziel haben, bereits mit der Kamera das perfekte Bild einzufangen. Natürlich bedeutet das im Zweifelsfall im eigentlich Prozess des Fotografierens einen höheren Aufwand, aber gleichzeitig auch eine besondere Herausforderung.

Mir wurde erst kürzlich gesagt – „Das mit Deinem Holi-Pulver, das können andere mit Photoshop einfach einbauen“. Ich sah denjenigen mit großen Augen an – können sie das wirklich? Und zwar naturgetreu, ohne, dass der Betrachter den Eindruck gewinnt, das Bild ist schlichtweg zusammengebastelt? Ich möchte nicht in Frage stellen, dass das möglich ist, nur habe ich ein solches Ergebnis noch nicht gesehen. Sicherlich gibt es echte Experten, die das einfach nachbauen können, und zwar in stundenlanger Arbeit.

Was aber, wenn ich mir als Fotograf einfach eine neue Herausforderung vornehme und eben dieses Bild mit meiner Kamera einfangen möchte, ohne dass eine großartige Bearbeitung vonnöten ist? Wäre das nun verwerflich, oder eher löblich? Die Antwort liegt ganz sicher im Auge des Betrachters.

Sonnenfleck im Bild, das in einer Sekunde mit Spezialprogrammen eingefügt wäre – ich versuche, ihn durch den Sucher zu finden und festzuhalten. Schneegestöber rund ums Pferd – wollen wir mal probieren, wie sich das erreichen lässt, ohne es nachträglich reinzubasteln? Sehr beliebt auch das Bokeh – Lichtflecke, die einfach vor oder hinters Motiv geklatscht werden, per Programm, um eine tolle Atmostphäre zu schaffen. Warum mache ich mir eigentlich die Mühe und klügele aufwendige Aufbauten vor oder hinter dem Motiv aus, um das zu erreichen?? Offensichtlich ist es doch so einfach – ein Klick am PC!

Für mich ist aber genau das die Herausforderung – mit der Kamera am Motiv ausprobieren, scheitern, neu probieren, ein kleines Stück vorankommen, aufwendig umbauen – und irgendwann, endlich habe ich das gewünschte Ergebnis! Keine Sorge, wenn ich etwas Neues probiere, müssen keine lebenden Models herhalten, sondern vielmehr Stillleben bestehend aus Plüschtieren und Co. Wenn ich aber einmal eine Idee habe, die ich für gut befinde, kommen die „echten“ Vierbeiner zum Einsatz. Plötzlich lassen sich Schnee, Feuer, Weihnachtslichter zaubern, ohne, dass ich irgendein Programm am PC bedient habe. Es geht mit ein wenig Ideenreichtum und meiner Kamera – aber auch nur, weil ich tüftele, experimentiere und prüfe.

Dabei erlebe ich immer wieder, dass die Besitzer meiner Models mich ungläubig anschauen. Das verstehe ich, sie müssen denken, da ist ein verrückter Künstler am Werk, der mit bunten Pulvern und Stahlwolle (das erkläre ich gerne bei Bedarf, wenn ihr mögt), hantiert.

Heraus kommt allerdings im Zweifelsfall genau das, was Photoshopkünstler ebenfalls zu „zaubern“ vermögen. Bunter Nebel, Lichteinfälle, Lichtpunkte, blauer Himmel mit Schleierwölkchen, die Strahlen der Sonne, wunderbare blau-pinke Sonnenuntergänge – all‘ das ist auch ohne große Nachbearbeitung auf dem PC möglich und umsetzbar. Der einzige Unterschied: Die Arbeit wird während des Fotografierens investiert und nicht danach.

Und die Ergebnisse? Vermutlich sind die am Computer produzierten manches Mal spektakulärer. Aber wirken sie auch natürlich, oder lassen sie erahnen, dass der Künstler dort viel Arbeit im Nachgang investiert hat?

Ganz egal, ob Foto- oder Photoshop-Künstler – wir alle tragen dazu bei, dass die Besitzer ein Motiv von ihrem Tier erhalten, das eine wunderbare Erinnerung an das Lebewesen darstellt, die dafür sorgt, dass es unvergessen bleibt. Am Ende rückt der Entstehungsprozess zu dem Ergebnis für den Kunden in den Hintergrund. Inwieweit er das auch für den Fotografen tun sollte, bleibt jedoch jedem selbst überlassen.

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Posted by
AZachrau